Gemeindebrief (barrierefrei)

IV/2022: Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt…

Inhalt

Andacht: Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt

Advent bedeutet Ankunft. Adventus dominum – Ankunft des Herrn. In der Adventszeit bereiten sich Christen auf das Kommen Christi in die Welt vor. Zum einen auf seine bereits zurückliegende Ankunft in der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Aber gleichzeitig auch auf seine Wiederkunft als Erlöser und Richter der Welt am Ende der Zeit. 

Ob Christen in der Adventszeit eher fröhlich auf Weihnachten zugegangen sind, oder ob sie flehentlich die Rückkehr Christi auf Erden erwarten, hing sicher immer auch mit den Zeiten zusammen, in denen sie gelebt haben. 

Als Friedrich Spee sein Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ dichtete, ging der 30-jährige Krieg in sein viertes Jahr. Mit den Landsknechten zog die Pest durch Europa. Überall in Deutschland wurden Hexenprozesse abgehalten – eine Praxis, gegen die sich der Jesuit Spee mit aller Kraft gestellt hat. 

In den ersten drei Strophen zitiert Spee unterschiedliche Motive aus dem Buch des Propheten Jesaja: Gott soll den Himmel aufreißen (Jesaja 64,1), um einen neuen König für Israel aus dem Himmel herabkommen zu lassen, der Gerechtigkeit für das Land bringt wie Tau und Regen (Jesaja 45,8), einen König, der aus dem Stamm Isais hervorsprosst und ganz Israel neu erblühen lässt (Jesaja 11,1). 

Christen sahen den Hilferuf und die Verheißung Jesajas einerseits in der Geburt Jesu erfüllt. Andererseits konnten sie, wie Friedrich Spee, immer wieder in den Hilferuf Jesajas einstimmen und so versuchen, Gottes Sohn als „Trost der ganzen Welt“ zu sich herabzurufen. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“ 

Auch das ist ein Gedanke, der immer wieder im Jesajabuch auftaucht. Gott kommt, sein Volk zu trösten in Not und Elend der sich dem Ende zuneigenden Exilszeit. 

Und wie gehen wir in diesen Tagen auf die Adventszeit zu? Voll Hoffnung und Vorfreude auf ein Weihnachtsfest frei von Corona-Einschränkungen im großen Familienkreis und der vollen Kirche? Oder eher mit dem verzweifelten Ruf: Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt. 

Unabhängig wie Sie durch diese Adventszeit gehen – wünsche ich ihnen Gottes reichen Segen, der Freude und Trost schenkt.

Ihr Michael Verhey 

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jes. 66,13) 

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Was die Bibel über Trost sagt

Die Bibel kennt eine Fülle von Situationen, in denen Menschen Trost brauchen: Der Verlust eines lieben Menschen, Krankheit, Schmerz, tief erlebte Ungerechtigkeit, Anfeindungen, das Leben in der Fremde. Und die Bibel erzählt davon, wie Menschen Trost erfahren: Durch gute Worte – aber auch im gemeinsamen Schweigen. Durch ganz praktische Hilfe, aber auch durch Trauerrituale, z.B. durch das gereichte Trauerbrot oder den Becher der Tröstungen (Jer. 16,7) soll der trauernde Mensch in seiner Not unterstützt werden. Trost zielt in der Bibel darauf, dass Trauernde seelisch und körperlich wieder zu Kraft finden. 

Die wichtigste Quelle des Trostes aber ist in der Bibel Gott selbst: Sein Name (Ps. 54, 8), sein Geist (Ps. 69,17; Joh. 14,26; 15,26), sein Gesetz (Ps. 119,92), sein Wort (Jer 15,16) sind den Menschen Trost. Beim Propheten Jesaja geht es um kollektiven Trost für Israel im Exil: Gott wird ihr Schicksal wenden und sie zurück in die Heimat bringen. Mit dieser Hoffnung tröstet der Prophet in Gottes Auftrag die in der Fremde Lebenden. Auch wenn die Rettung noch nicht eingetroffen ist, das Vertrauen in Gottes guten Willen tröstet jetzt schon. 

In den Psalmen erbitten oft einzelne Menschen Trost von Gott. In Krankheit, mehr aber noch in der Erfahrung von Unrecht, Bosheit, Gewalt. Gott steht dafür ein, dass leidende Menschen Recht bekommen. Daran knüpft Jesus an, wenn er sagt: „Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Mt. 5,4). Meist ist es die Erinnerung daran, dass Gott immer wieder den Leidenden in seinem Volk geholfen hat, die die Trauernden tröstet. Oder die Gewissheit, dass Gott seinem Recht und den von ihm gesetzten Ordnungen irgendwann Geltung verschaffen wird. Nur ganz selten gelingt dies nicht – aber auch das gibt die Bibel zu: „Am Tag meiner Not suchte ich den Herrn; unablässig erhob ich nachts meine Hände, aber meine Seele ließ sich nicht trösten“ (Ps. 77,3). 

Im Johannesevangelium schickt Gott seinen Geist als Tröster, der die Jünger und die Gemeinde über den Verlust von Jesu Gegenwart trösten soll. Der Geist hilft der Gemeinde zu begreifen, warum Jesus den Weg ans Kreuz gegangen ist. Er lehrt die Gemeinde: Trost bedeutet auch, die Menschen mit der Wahrheit zu konfrontieren: Es gibt Leid. Und manches Leid ist unvermeidlich und viel Leid ist in menschlichem Handeln begründet. So ist der Geist Gottes zugleich Tröster und der Geist der Wahrheit bei Johannes. Für Paulus liegt der größte Trost für die Menschen in Christus selbst, in seiner Kreuzigung und Auferstehung. Denn dadurch, dass Jesus gestorben und wieder auferstanden ist, hat er den Tod endgültig besiegt und in den Menschen die Gewissheit geweckt, dass auch sie am Ende der Zeit auferweckt und in den Himmel geholt werden. Darum, so schreibt Paulus an die Gemeinde in Thessalonich, brauchen wir uns um unsere Lieben, wenn sie sterben, keine Sorgen zu machen – „seid nicht traurig, wie die, die keine Hoffnung haben“ sagt er am Anfang einer der schönsten Visionen von der Auferstehung der Toten, die sich in der Bibel findet (1. Thess. 4,13-18). Und er endet damit, dass er sagt: „So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.“ 

Dies ist überhaupt eine wichtige Erkenntnis, die Paulus uns mitgibt. Wir werden von Gott getröstet, damit wir einander diesen Trost weitergeben. Indem wir davon erzählen, wie Gott uns getröstet hat in schweren Situationen, aber auch, indem wir die Trostworte und -geschichten der Bibel weitererzählen und darauf vertrauen, dass Gottes Wort seine Wirkung tut. Denn: 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. (2. Kor. 1,3-5) 

Michael Verhey 

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Trost finden in trostloser Zeit – Das Buch Hiob

Hiob war das, was man heute wahrscheinlich als einen erfolgreichen Geschäftsmann bezeichnen würde, der alles im Leben erreicht hat. Doch dann bricht das Unglück über ihn herein und er verliert nach und nach sein Vermögen, seine Familie und seine eigene Gesundheit. Dabei muss man wissen, dass das Buch Hiob kein Tatsachenbericht über ein menschliches Einzelschicksal ist, sondern ein Buch der sogenannten Weisheitsliteratur, das die Menschen etwas lehren möchte. Die große Frage, mit der sich das Buch beschäftigt ist, ob, wie es in der älteren Weisheitsliteratur noch vertreten wurde, es einen Zusammenhang zwischen dem Tun der Menschen und ihrem Wohlergehen gibt. Ist es so, dass es Menschen, die sich zu Gott halten automatisch gut geht? Belohnt Gott Glauben und frommes Leben mit Glück, Reichtum und Gesundheit, und straft er Menschen, die sich nicht in seinem Sinne verhalten? 

Ist es klug und Erfolg versprechend, wenn Menschen zu Gott halten, weil es ihnen dann einfach gut gehen wird? 

Das Buch beginnt in der Rahmenerzählung, nachdem Hiobs glückliches, erfolgreiches und gläubiges Leben kurz beschrieben wurde, mit einer Wette zwischen Gott und Satan. Gott freut sich über Hiobs Glauben und sein Leben, das er im Einklang mit Gottes Geboten führt. Der Satan, d.h. der Widersacher, Gegner oder Verdreher, ist davon überzeugt, dass Hiob nur an Gott glaubt, weil es ihm so gut geht, und dass er Gott sofort verlassen würde, wenn es ihm schlecht gehen würde. Gott ist sich Hiobs Glauben sicher und gibt Hiob mit allem, was er hat, dem Satan in die Hand. 

Dann bricht die Katastrophe über Hiob hinein. Er verliert alles, was er hat und sitzt am Ende ohne alles, nackt und verzweifelt da. Hiob ist untröstlich. Was kann Hiob trösten und wie kann man ihn trösten in dieser schweren Zeit? Auch darüber lehrt das Buch Hiob. Hiobs Freunde, die von seinem Unglück erfahren haben, kommen, um Hiob beizustehen und ihn zu trösten. „Als sie von all dem Unglück hörten, das Ijob getroffen hatte, beschlossen sie, ihn zu besuchen. Sie wollten ihm ihr Mitgefühl zeigen und ihn trösten.“ (Hiob 2,11) Die Freunde sind entsetzt, als sie Hiob so sehen und weinen voller Trauer. Sie setzen sich zu ihrem Freund sieben Tage und sieben Nächte und trauern mit ihm und schweigen, weil „sie sahen, dass der Schmerz groß war.“ (Hiob 2,13). Hiob tut dieser Beistand gut. 

Doch dann fangen die Freunde an, zu reden. Sie suchen die Schuld für die Krise, in die Hiob geraten ist, bei ihm. Wenn es ihm so schlecht geht, muss er etwas gegen Gottes Willen getan haben, da sind sie sich sicher. 

Aber Hiob wehrt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften, denn er ist sich sicher, dass er ein gläubiges Leben geführt hat, und nichts, was er getan hat, dieses Unglück rechtfertigen kann. Das Reden der Freunde verletzt Hiob, weil er sich von ihnen und auch von Gott nicht gesehen fühlt in seinem Schmerz. 

Die Worte der Freunde trösten ihn nicht, und er besteht darauf, dass Gott selbst mit ihm spricht. ihm die Situation erklärt und ihm Trost spendet in dieser schweren Zeit. 

Hiob selbst erklärt sein Unglück in der Rahmenhandlung mit einem sehr berühmten biblischen Satz: „Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, gelobt sei der Name des Herrn.“ (Hiob 1,21) Hiob weiß für sich, dass alles, was er in seinem Leben erreicht hat, nicht selbstverständlich ist. Er begreift es als ein Geschenk Gottes, auf das er keinen Anspruch erheben kann. 

Kann auch das manchmal ein Trost sein? 

Doch im Hauptteil des Buches begehrt Hiob mit aller Kraft und Eindringlichkeit auf. Je mehr die Freunde sich sicher sind, dass Hiob Schuld an seinem Unglück hat, um so lauter klagt er Gott sein Schicksal und fordert Recht. Hiob stellt Gott die Fragen, die sich Menschen bis heute stellen: Wie kann Gott zulassen, dass ich so leiden muss? Wo ist Gott in dieser schweren Zeit? Hiob fordert Antworten und Trost von Gott, und Gott lässt sich auf dieses Gespräch ein. Er macht deutlich, dass er der Schöpfergott ist, der das Leben will, dass es aber uns Menschen nicht möglich ist, alles zu verstehen und zu durchschauen. Und Gott sagt auch, dass die Reden der Freunde, die Hiob die Schuld geben, ihm nicht gefallen haben. 

Hiob geht aus diesem Gespräch gestärkt hervor und ist sich sicher, dass Gott für ihn da ist: 

Ich weiß jetzt, dass dir nichts unmöglich ist; denn alles, was du planst, führst du auch aus. Ich kannte dich ja nur vom Hörensagen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ (Hiob 42,2.5)

Stefanie Graner 

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Trost finden in trostloser Zeit

Wie tröste ich eigentlich? Wo finde ich Trost? Wir sind diesen Fragen nachgegangen und haben bei Menschen aus unserer Gemeinde nach Antworten gesucht. 

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Der Mantel des Trostes 

In der Nachkriegszeit, als die Väter noch nicht aus den Kriegswehen nach Hause zurückgekehrt waren, wohnte das Kind Lisa mit ihren vier Geschwistern und der Mutter bei Mutters Schwester, der Tante. Die spielte die Vaterrolle, nahm diese sehr ernst und war streng in Wort und Tat! Die fünf Kinder hatten großen Respekt vor ihr. Lisa hielt insgeheim die Tante sogar für böse! 

Eines Nachts hatte Lisa einen Alptraum: zwei schwarze Gestalten trugen ihren Bruder auf einer Trage in den Hausflur. Als sie den Schaft des Messers sah, der aus der Brust des Bruders herausragte, schrie sie, schrie und schrie! Plötzlich wurde es hell im Raum: die Tante stand im Licht des Nachbarzimmers in der offenen Tür. Bedrohlich und wütend zischte sie: „Was ist denn hier los?“ Lisa blieb der Schrei vor Entsetzen im Hals stecken. Der große Bruder raunte verschlafen und entschuldigend: „Die hat nur schlecht geträumt!“ Die Tante kam auf Lisa zu, die starr mit schreioffenem Mund stumm im Bett saß. Sie legte vorsichtig den Arm um Lisas Schultern und sagte leise: „Komm mit ins Helle!“ Dann saßen beide im hellen Zimmer auf der Liege. Immer noch lag der Arm der Tante warm wie ein Mantel des Trostes auf Lisas Schultern. Da erzählte Lisa stockend ihren Traum, weil sie plötzlich die sichere Erkenntnis hatte: „Böses kann auch lieb sein!“ Dieser einfache Satz erfüllte sie mit Glanz, Frieden und Trost. Zurück in ihr Bett gebracht, schlief Lisa sofort, tief und traumlos. 

Der Alptraum vom Tod des Bruders stahl sich in Lisas Kindheitsjahren immer wieder in ihren Schlaf. Jedoch das abgrundtiefe Entsetzen packte sie nie wieder, denn der Mantel des Trostes blieb gegenwärtig. 

Jahre später, als Lisa sich im Religionsstudium in die Schriften des Theologen Dietrich Bonhoeffer vertiefte und sein persönlich formuliertes Glaubensbekenntnis entdeckte, erinnerte sie sich wieder an ihre kindliche Erkenntnis: „Böses kann auch lieb sein“. Wie damals spürte Lisa den Arm der Tante auf den Schultern und die Wärme, die sie wie ein Trostmantel umhüllte, als sie Dietrich Bonhoeffers Worte las: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

Frauke Wollenweber 

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Wie finden Menschen Trost in schwierigen Zeiten? Aus der ev. Beratungsstelle Bonn:

Trost, in welchen Situationen brauchen die Menschen Trost? Meistens, wenn sie traurig sind. Dafür wiederum gibt es vielfältige Gründe auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in allen Altersstufen. Oft geht es um Abschied oder Scheitern. 

Der Verlust eines geliebten Menschen, sei es durch den Tod, aber auch durch Trennung, bedeutet einen extremen Einschnitt im Leben. Durch den Tod muss ich mich von einem Menschen aus dem irdischen Leben verabschieden, ohne ihn oder sie weiterleben lernen. Durch Trennung vom Lebenspartner muss ich mich von einer Beziehung, vom gewohnten Leben verabschieden. Aber auch Kinder oder Jugendliche sind zum Beispiel von der Trennung ihrer Eltern betroffen, müssen sich von der vertrauten Familienkonstellation verabschieden. Auch eine Erkrankung, ein Umzug, ein Schulwechsel kann Abschied und Trauer mit sich bringen – in allen diesen Situationen ist Trost nötig. 

In der evangelischen Beratungsstelle begegnen uns alle diese Formen von Veränderung, Abschied, Trauer und Schmerz. 

In der psychologischen Beratung geht es um Entwicklung, Stärkung und im besten Falle Heilung. Am Anfang steht das Zuhören, eine Beziehung und Vertrauen aufbauen: da ist jemand, der nimmt sich Zeit, der hört mir zu, der nimmt mich ernst, der nimmt sich meiner an – das ist tröstlich und entlastend. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach der Geschichte, wie ist es zu der schwierigen Situation gekommen? Hier geht es mehr um verstehen, aber auch um mitfühlen. Verstanden werden und Mitgefühl spüren ist extrem tröstlich! 

Und dann beschäftigen wir uns in der Beratung mit Selbstwirksamkeit: Was kann ICH tun, damit es mir besser geht? Welche Stärken und Fähigkeiten bringe ich mit, welche Erfahrungen, die mir bei der Bewältigung dieser Krise helfen können? Wer und was können mich sonst noch bestärken? 

So besteht Beratung einerseits aus therapeutisch-beraterischer Unterstützung bei der Verarbeitung und Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen, und gleichzeitig immer auch aus Trost im Sinne von Zuhören, mitfühlen und standhalten. In den Einzelberatungen gibt es viel Aufmerksamkeit und Raum. Da geht es mal nur um mich und meine Geschichte, meine Gefühle und Gedanken, das ist tröstlich! In unseren Gruppenangeboten für trauernde Jugendliche und junge Erwachsene, verwaiste Eltern, aber auch in den Gruppen für getrennte Eltern oder getrennte Väter geht es um Trost durch Gemeinschaft. Da sind Menschen, die haben ähnliches erlebt, wissen, wovon ich spreche, wissen, was ich meine. Dort entstehen Kontakte und Verbindungen, die weit über die Zeit des Gruppenangebots hinausreichen. Der Austausch untereinander und die gegenseitige Stärkung stehen im Mittelpunkt und geben Halt und Trost. 

Christiane Wellnitz, systemische Therapeutin, evangel. Beratungsstelle für Erziehungs-, Jugend-, Partnerschafts- und Lebensfragen, Adenauerallee 37, 53113 Bonn, 0228/6880150, www.beratungsstelle-bonn.ekir.de 

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Stimmen aus dem Seniorenkreis: Was konnte und kann mich in schwierigen Zeiten trösten? 

Wenn es mir schlecht geht, dann hilft mir Musik, das kann Beethovens Klavierkonzert sein oder auch die Lieder von Paul Gerhardt. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das ist so wunderbar. Insbesondere, wenn man bedenkt, was Paul Gerhardt selbst alles durchleiden musste. Dann solche Lieder zu schreiben, beeindruckt mich sehr und tröstet mich. Da spricht jemand, der selber Schweres durchgemacht hat, und Trost gefunden und weiter gegeben hat. 

Mich hat mein Glaube getröstet, in der schweren Zeit habe ich das erst richtig gespürt. Auch Musik kann mich trösten, klassische Musik. Barock-Musik höre ich dann ganz laut. 

Ich bete dann noch viel öfter als sonst, und dann löst es sich irgendwann. Manchmal dauert es länger, dann muss man Geduld haben. Ich danke jeden Abend, dass ich den Tag erleben durfte, und dass ich mit 91 Jahren alles so geschafft habe. 

Dankbarkeit ist ein Thema, das kann in schweren Zeiten helfen. 

Ich bin dankbar für liebe Menschen. Da kann ich anrufen, die teilen meine Sorgen, die helfen mir darüber hinweg; gerade wenn man viel alleine ist. 

Ich muss dann raus aus dem Haus und gehe und laufe durch die Straßen, auch wenn es dunkel ist. Das kann lange dauern, aber es hilft mir. 

Ein Waldspaziergang kann sehr wohltuend sein und bringt mich auf andere Gedanken. 

Wenn ich mit meinem Rolli unterwegs bin, dann freue ich mich über jede Blume und die Menschen. Ich sehe alles. 

Als ich 80 Jahre alt geworden bin, ist mir das richtig auf die Füße gefallen. Frau G. mit ihren 91 Jahren ist mir da ein richtiges Vorbild, das mir Mut macht. 

Mich tröstet meine Familie, gerade seit ich allein bin, seit mein Mann gestorben ist. Es ist schön, dass ich in die junge Familie ganz eingebunden bin und helfen kann. Da ist Leben und Lachen – ein Geschenk. 

Mich trösten schöne Erinnerungen aus Kindertagen. Als wir Kinder waren, haben die Leute zu meiner Schwester und mir gesagt: „Ihr seid wie die Kletten.“ Da haben wir als kleine Mädchen beschlossen, dass der 6. Oktober unser Klettentag ist. Und das ist bis heute so geblieben, auch wenn meine Schwester schon gestorben ist. Heute ist Klettentag und das ist schön.

Stefanie Graner 

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Trost finden in schweren Zeiten? 

Diese Frage hätte ich vor über 30 Jahren sehr schnell beantwortet: 

Nirgends gibt es Trost, wenn mit 16 Jahren die beste Freundin stirbt, mit Anfang 20 das erste Kind eine schwere Erkrankung nicht überlebt. Ich stand sehr allein da. 

Als 20 Jahre später mein zweites Kind die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung mit schlechter Prognose erhielt, war irgendetwas anders. Ich habe es sofort überall herumerzählt, damit ich es nicht alleine tragen muss. In der Zwischenzeit hatte ich gelernt, dass Trost nicht unbedingt von alleine kommt, sondern dass man sich auf die Suche machen muss und dass es ein Geschenk ist, wenn man in der Lage ist, Trost annehmen zu können. 

Auch wenn ich aus einer sehr gläubigen Familie komme, fing meine Suche nicht direkt bei Gott an. Ganz im Gegenteil, auf diesen war ich mehr als wütend. 

Ich hörte viel Musik, besonders von Johann Sebastian Bach. Ich lief, wann immer es ging, stundenlang durch die Natur, am liebsten im Wald und neuerdings am Meer. Ich las Literatur über das Sterben von Kindern, habe mir Vorbilder gesucht, die ähnliches erlebt haben. Besonders anrührend und tröstlich hat es Eichendorff in seinem Zyklus „Auf meines Kindes Tod“ beschrieben. 

Da Eichendorff-Gedichte häufig als Kunstlied vertont wurden, war es mir möglich, mich besonders intensiv damit zu beschäftigen. Auf diese Weise ist ein von O. Schoeck vertontes Eichendorff Gedicht zu einer Art Lebensmotto geworden. Auf menschlichen Beistand könnte ich jedoch niemals verzichten. Wie dankbar blicke ich auf Freunde, Seelsorger und ähnlich Betroffene zurück und nach vorn.

Dorothea Rose 

Im Wandern- Joseph von Eichendorff 

So ruhig geh’ ich meinen Pfad 

So still ist mir zumut 

Es dünkt mich jeder Weg gerad’ 

Und jedes Wetter gut. 

Wohin mein Weg mich führen mag, 

Der Himmel ist mein Dach. 

Die Sonne kommt mit jedem Tag 

Die Sterne halten Wacht! 

Und komm’ ich spät und komm ich früh 

Ans Ziel, das mir gestellt: 

Verlieren kann ich mich doch nie, 

O Gott aus deiner Welt! 

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Heimat ist, wo unsere Toten sind. 

Christiane Weissmann, geb. Strunk in Landsberg/Warthe am 4.3.1929, starb am 26.8.2022 in Hessisch-Oldendorf, ungefähr 70 km von Bad Nenndorf entfernt, wo sie zuletzt gewohnt hatte. Sie starb sozusagen in der Fremde. 

Und das Tröstliche? Das Tröstliche liegt zum einen in der Begleitung der letzten Wochen im Leben meiner Mutter. Ich habe keine Minute gezögert, die drei Reisen zu unternehmen, die zum Teil aberwitzig anstrengend waren. Züge in diesem Sommer, auch ECs, liefen nicht nach Fahrplan. Mehr sage ich dazu nicht. Wir Schwestern sahen einiges sehr unterschiedlich, manches komplett unterschiedlich. Das war sehr schmerzhaft. Dass meine Mutter uns wenigstens gestattete, sie aufgebahrt zu sehen, war neu. Keinerlei Feier, keine Trauerrede, keine Anzeige in der Zeitung. Noch nicht einmal die Nachbarn durften/sollten eingeladen werden. Zu welcher Feier auch? Mir tat das alles unsagbar weh. 

Daher bin ich so froh, ganz spontan Pfarrer Verhey angerufen zu haben. Ich freute mich noch mehr, dass er vorschlug, das Trauerritual um 12 Uhr mittags durchzuführen, also genau zum selben Zeitpunkt der Urnenbestattung in Hannover. 

Vom innersten Empfinden her, ist ein Teil der Asche unserer Mutter auf dem Bergfriedhof in Kessenich begraben, am Fuße eines sehr alten Baumes, links von der Kapelle. Seitdem wir zusammen ein Ritual haben entstehen lassen, auf dem Friedhof, in der Religion meiner Mutter und in meiner angestammten Religion, fühle ich mich sogar in Bonn anders heimisch, auch in Kessenich. Wir wollen da leben, eigentlich, wo unsere Toten begraben sind. In derselben Erde. Davon sind die meisten von uns weit entfernt, ich weiß, aber das spricht nicht gegen diese Wahrheit. Es spricht für den Grad unserer Entfremdung. Als Herr Verhey mit seinem Fahrrad auf die Kapelle zukam, hatte ich schon den Ritualplatz bestimmt, meine Seele hatte mich geführt, oder Gott: Ich stellte das Foto von Mutti in die Mitte des steinernen Platzes, die auch die Mitte eines gleichschenkeligen Kreuzes bildete. Das war Zufall, oder nicht? Dazu stellte ich meine eigene buddhistische Klangschale und legte sanft eine Rose dazu. 

Erst einmal erzählte ich von unserer Familie, vom Sterben und vom Tod und von unserer allerletzten Begegnung zwischen meiner Mutter und mir. Ihre letzten Worte waren wunderschön und versöhnten mich mit allem Harten, allzu Harten in meinem Leben. Sie dankte mir und ich ihr auch. Niemals hätte ich das voraussehen können. Ihr letztes Eis hatte sie im Sitzen genossen. Im Rückblick sage ich, sie hat es genauso gegessen. Wie eine letzte, sehr heilige Mahlzeit. 

Pfarrer Verhey ging auf diese Mitte, den Altar, und sprach zur ihr und über sie. Wir sangen mein Lieblingslied, mit dem Text Dietrich Bonhoeffers, alle Strophen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar…“ 

Ich verbeugte mich dreimal vor dem „Altar“, wir bliesen gemeinsam die Kerze aus und ich lehnte das Foto und die Rose an den rötlichen Stamm eines Baumes. Dann wickelte ich das Foto in ein Seidentuch, für eine spätere buddhistische Feier. Alle paar Tage schaue ich nach, wie die Rose vergeht. Ich fühle mich in Kessenich beheimatet.

Monika Winkelmann 

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Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt!? 

Das könnte auch die Überschrift vieler Telefonate bei der Telefonseelsorge sein. 

Bei jedem Telefonat bei der Telefonseelsorge treffen zwei Menschen aufeinander, die sich nicht kennen. Einer spricht, der andere hört zugewandt zu, nimmt sich die Zeit für die Anruferin oder den Anrufer da zu sein, sich in ihre oder seine Lage zu versetzen. Zeit zu haben, da zu sein, das ist die Hauptaufgabe der Mitarbeitenden der Telefonseelsorge. Bei der Telefonseelsorge erfahren Menschen, dass ihr Anliegen, ihre Not, ihr Schmerz, ihre Traurigkeit, ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit oder auch ihre Freude wahrgenommen und ernst genommen werden. Je mehr Wertschätzung und Anteilnahme der Anrufende während eines Gespräches empfinden und wahrnehmen kann, desto mehr Trost kann er auch über das Gespräch hinaus mitnehmen. „Der Mensch wird am Du zum Ich“, sagt der jüdische Theologe Martin Buber. Begegnung ist möglich, wenn Menschen einander das Herz öffnen und sich in ihrem Wesen berühren lassen. „Was ihr dem Geringsten tut, das habt ihr mir getan“, heißt es in der Bibel. Mit dieser Haltung begegnen die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge allen Anrufenden, gleich welcher Herkunft, gleich welcher Religion. Besonders während der Lockdowns, in denen selbst kirchliche Seelsorge oft kaum sichtbar war, war die Telefonseelsorge durchgehend in vollem Umfang für die Menschen erreichbar, konnten Begegnungen auf Augenhöhe stattfinden, in vielfältiger Weise Trost gespendet werden.

Dorothea Stein 

Die Telefonseelsorge Bonn/Rhein-Sieg e. V. sucht immer neue ehrenamtliche Mitarbeitende, die sich nach einem Jahr Ausbildung, Zeit für Andere nehmen und / oder auch im Trägerverein mitarbeiten. Falls Sie sich angesprochen fühlen, nehmen Sie Kontakt zur Geschäftsstelle der Telefonseelsorge in der Quantiusstr. 8, 53115 Bonn, Tel.: 0228 653344 auf. 

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Ängste nehmen 

Einige Menschen haben oft vor dem Unbekannten, das was sie nicht verstehen, Ängste. Diese kann man ihnen nehmen, in dem man mit ihnen darüber spricht. 

Mein Sohn versteht auf Grund seiner Behinderung manche komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge, die ihn z.B. bei Nachrichtensendungen oder Berichterstattungen im Fernsehen begegnen, nicht. Manchmal sind es auch einzelne Schlagworte, die er nicht kennt. Er erzählt mir dann davon. Ich versuche ihm die jeweilige Situation – häufig auch mit Hintergrundinformation – mit einfachen Worten zu erklären. Er stellt oft noch einige Fragen, die ich ihm weitestgehend beantworten kann. Doch gelegentlich muss er sich auch mit einem „das weiß ich auch nicht“ zufriedengeben. Auf diese Weise kann ich ihm seine Ängste nehmen.

Gudrun Engel 

Frühkindlich gelerntes Ausweichverhalten kann eine Suchtentwicklung begünstigen. 

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Vom Gummibärchen zum Heroin? 

(Monika Holthausen-Lommerzheim, Werner Hübner) 

Man ist sich heute einig, dass Drogengefährdung nicht zwangsläufig Folge einer bestimmten Ursache ist, sondern durch ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren ausgelöst werden kann. Das Thema Suchtgefährdung gewinnt nicht erst an Bedeutung, wenn das jugendliche Probieralter angebrochen ist. Die Weichen für eine derartige Gefährdung werden schon viel früher gestellt – und die Zeichen sind erkennbar! 

Unsere Nicole kifft seit einem Jahr, nicht wahr? Stimmt doch, oder? Nicole schaut verlegen zur Seite. Ihre Mutter fragt verzweifelt: “Wie konnte uns das passieren?“ 

So oder ähnlich beginnen viele Gespräche in der therapeutischen Praxis, in die heute die 13-jährige Nicole mit ihrer Mutter gekommen ist. Viele Eltern kommen mit der Vorstellung in die Beratung, dass es sich bei den Schwierigkeiten ihrer Kinder um eine „Erziehungspanne“ handelt, weil die Tochter oder der Sohn im „kritischen Alter“ sei, zu wenig beaufsichtigt wurde und dabei in schlechte Kreise geraten sei, wie Nicole. 

Der Berater hat in solchen Gesprächen die Aufgabe, diese Vorstellung zu hinterfragen. In unserem Beispiel erkundigt er sich: Wie ist Nicole bisher mit ihren Problemen umgegangen? Hat sie Lösungen gefunden? Mit Erstaunen und zögerndem Begreifen hört die Mutter Nicoles Antwort. Es ist die Geschichte von Ersatzbefriedigungen, die sie gesucht und gefunden hatte: Früher, als Nicole öfters keine Freunde zum Spielen hatte, sollten „Regina Regenbogen“ oder das Fernsehprogramm die Langeweile vertreiben. Schulschwierigkeiten traten auf, aber die Mutter fand einen Ausweg. Nachdem Nicole die vierte Grundschulklasse wiederholen musste, wurde dem „nervösen Einzelkind mit den vielen Flüchtigkeitsfehlern“ rezeptfrei aus der Apotheke „beruhigend“ geholfen. Die Grundfrage der Beratungsgespräche ist also berechtigt: „Wo wurde in der Vergangenheit aus welchem Grunde ausgewichen.“ Nicoles Mutter beginnt im Verlauf der Gespräche über diese Dinge zu sprechen. Die Auseinandersetzung mit ihrem Verhalten wird für sie zu einer interessanten, aber nicht immer schmerzfreien Rückbesinnung. Aber die Bereitschaft sich darauf einzulassen, steigt im weiteren Verlauf der Gespräche, weil deutlich wird: Es geht nicht um „Schuld und Sühne“. In diesem Beratungsklima wird das verfolgen von Entwicklungslinien für sie zu einer äußerst spannenden Entwicklungsreise. 

Ob wir bei Nicole bereits von Sucht zu sprechen haben, wird sich zeigen. Für sie und ihre Eltern gilt es festzustellen, ob und welche Verhaltensalternativen zu der strukturell angelegten Suchthaltung entwickelt werden können. Was an diesem individuellen Fall skizziert wurde, ist für eine Beratungssituation typisch und tritt in immer neuen Spielarten immer wieder auf. Sucht hat immer eine Geschichte. Eine Suchtgeschichte beginnt in ganz normalen Elternhäusern und geht durch alle Schichten unserer Gesellschaft. Jeder ist von der Frage betroffen: Wo stehe ich auf dem Weg vom Konsum über die Gewöhnung in die Abhängigkeit? 

Wir alle konsumieren. Im Sinne der Suchtprävention ist dabei weniger von Bedeutung, was konsumiert wird, sondern die Art und Weise, wie und wann konsumiert wird. Die Antwort auf diese Fragen weist darauf hin, ob über den Konsum Bedürfnisse durch Ersatzhandlungen befriedigt werden. Bereits Kinder im Alter von drei Jahren bekommen genau mit, wenn die Eltern Alkohol zu sich nehmen, um sich zu entspannen oder ihr Unwohlsein zu beseitigen. Sie erleben den Alkohol als Möglichkeit des Umgangs mit Konflikten, zum Problemlösen, als Mittel zur Geselligkeit. Derartige Konsumgewohnheiten werden in der Familie tradiert. Das Ablegen solcher Verhaltensweisen, selbst wenn der Konsument das wirklich will, ist auch im Erwachsenenalter nicht ohne weiteres möglich. Die Suchtprävention fragt immer nach dem Vorbildverhalten der Eltern. Dabei geht es nicht alleine darum, ob Eltern rauchen und trinken. 

Vorrangiger Betrachtungsgegenstand ist das Motiv dieses Konsumverhaltens Und es wird weiter gefragt: Welche anderen Möglichkeiten zur Entspannung, gegen Unwohlsein und im Umgang mit Konflikten zeige ich als Bezugsperson? 

Die Übergänge zwischen Konsum und Gewöhnung sind fließend. Gewöhnung meint ein ständig wiederkehrendes Verhalten mit gleichem Motiv. Wenn es sich dabei um eine Ersatzhandlung handelt, ist auch hier die Grenze zur Abhängigkeit/Sucht fließend. Kennzeichen von Sucht sind dabei Abstinenz- und Kontrollverlust. 

Wir führen Infoabende zum Thema „Frühkindliche Suchtvorbeugung“ durch, mit dem Anliegen, das Interesse auf das zu richten, was im Wohnzimmer der Eltern und im Kinderzimmer der Kinder geschieht. 

Im Gespräch wird z.B. festgestellt, dass Bedürfnisse nach Begegnung, Nähe, Austausch, Zuwendung, Liebe usw. nicht immer und direkt in der Beziehung zwischen Eltern und Kind befriedigt werden (können). In der Regel wird dann nach typischen Ersatzhandlungen gesucht. Die nachstehende Aufzählung der Ersatzhandlungen, auf die bei diesen Infoabenden oft hingewiesen wird, ruft bei den Eltern oft großes Erstaunen hervor: 

Süßigkeiten, Daumenlutschen, Fernsehen/DVD, iPod/MP3/ Handy, Lesen, Essen, Arbeiten, Kaffee trinken, Putzen, Auto waschen, Einkaufen. 

Die aufgezählten Verhaltensweisen können eingesetzt werden, um Probleme zu vergessen, sich zu beruhigen, zu entspannen und abzulenken. Damit erfüllen sie genau die Funktionen, die auch den Suchtmitteln zugeschrieben werden. 

Das ist für viele Eltern neu und sie fragen an den Elternabenden nach, ob denn jedes einmalige Ersatzverhalten schon Anlass zur Sorge geben müsste. Im Gespräch mit den Eltern wird dann von den Fachkräften deutlich gemacht, dass es nicht um die Beobachtung von einmaligen Ersatzhandlungen geht. Vielmehr werden die Eltern angeleitet darauf zu achten, ob sie mit ihren Kindern öfters in einer bestimmten Weise umgehen und sich die Ersatzhandlungen wie ein roter Faden durch ihren Alltag verfolgen lassen. Ob sie zum Beispiel, wie das viele Eltern tun, bei sogenannten „Unlustäußerungen“ ihrer Kleinen vor allen Dingen mit der Verabreichung von Essen oder Süßigkeiten reagieren. 

Das laute Schreien eines Säuglings wird von vielen Erwachsenen grundsätzlich als Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme verstanden und nicht auch als Äußerung von Langeweile, Unwohlsein, dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Spiel, nach Nähe und Begegnung usw. Es wird gefüttert. 

Durch ein derartiges Still- bzw. Fütterungsverhalten machen die Kinder die frühe Erfahrung, dass auf Bedürfnisäußerungen mit Essen reagiert wird. Damit werden sie auf spätere Ersatzhandlungen eingestimmt. 

Auch der Einsatz von Süßigkeiten spielt im Gespräch mit Eltern eine große Rolle. Das beliebte Gummibärchen als Tröster, zur Belohnung, um Freunde einzukaufen, wird in seiner Funktion entlarvt. Den Eltern wird während der Elternabende klargemacht, dass auch eine Ersatzhandlung vorliegt, wenn Lob und Anerkennung über Essbares ausgedrückt werden. 

Ein Kind erhält regelmäßig etwas zu essen, weil es getröstet werden soll, es belohnt werden soll, es ruhig gestellt werden soll, es „lieb war“, die Eltern ein schlechtes Gewissen haben. Diese Koppelung von „Nahrung anbieten“ und „Freude machen“ bzw. „Anerkennung ausdrücken“ beeinflusst nachhaltig künftige Ess- bzw. Konsumgewohnheiten des Kindes. Es kann auf Dauer nicht mehr zwischen dem Grundbedürfnis – hier essen – und dem Ersatzbedürfnis unterscheiden. Lob und Freude, Austausch und Zuwendung werden über Lebensmittel bzw. Süßigkeiten im Sinne einer Ersatzhandlung befriedigt. 

Über das Thema „Ersatzhandlung“ hinaus setzen sich die Eltern mit dem Begriff „Unabhängigkeit“ auseinander. Gemeinsam werden bei Elternveranstaltungen Merkmale und Eigenschaften gesammelt, die mit diesem Begriff in Verbindung gebracht werden. – Selbstständigkeit (sonst bleibe ich von Hilfe anderer abhängig) – Sich durchsetzen/Trotzverhalten – Neinsagen – Sich abgrenzen – Selbstvertrauen – Eigene Entscheidungen treffen – Ablehnung/Versagen ertragen – Kreativität/Phantasie – Selbstwertgefühl – Selbst das Leben gestalten wollen – Wünsche/Bedürfnisse äußern – Nicht auf das Urteil anderer angewiesen sein – Freiräume schaffen. Im Gespräch mit den meisten Eltern wird herausgearbeitet, dass alle vorgenannten Merkmale im Zusammenhang mit der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes stehen. Elternabende bieten auch die Möglichkeit, über eigene Erfahrungen, Probleme, Schwierigkeiten und Freuden zu sprechen. Dabei tauchen immer wieder die folgenden Fragen auf: 

– Wie kann ich mein Kind zu einer selbstbewussten Persönlichkeit erziehen, wenn ich selber unsicher bin? – Wo muss ich Grenzen setzen – wo gewähren lassen? – Was hat nein-sagen, sich abgrenzen, Trotzverhalten mit der Entwicklung des Kindes zu einer Persönlichkeit zu tun? – Wie gehe ich mit meinen vielen Erwartungen und Wünschen bezüglich meines Kindes um? – Wie fördere ich Kreativität und Phantasie, ohne zu überfordern? – Was heißt für mich: Kinder lernen am meisten vom Vorbild? 

Nach unserer Überzeugung ist es wichtig, die EIGENDYNAMIK derartiger Elterngespräche zu beachten. Erfahrungen bei Veranstaltungen haben gezeigt, dass sich Eltern untereinander viele Anregungen geben und Hilfsmöglichkeiten aufzeigen können. Der so genannte Fachmann/die Fachfrau sollte sich möglichst zurückhalten, um dieses Selbsthilfepotential nicht zu mindern. Dass Suchtprophylaxe so früh beginnen muss, ist für Eltern und Interessierte zunächst ungewohnt, aber dann akzeptiert, obwohl „die Kleinen“ keine illegalen Drogen nehmen, noch Zigaretten rauchen und keinen Medikamentenmissbrauch betreiben. 

Es ist erstaunlich und erfreulich, dass solche intensiven Gruppengespräche wie auch Einzelberatungen beinahe regelmäßig mit der Erkenntnis enden, dass nicht das, was wir unseren Kindern sagen, sondern das, was wir ihnen vorleben, den nachhaltigeren Eindruck hinterlässt. Das Hesse-Wort „Die Wahrheit wird gelebt und nicht doziert“ fasst diese Erkenntnis zusammen.

© Dipl. Psychologe Werner Hübner / www.werner-huebner.de 

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 November – der trostlose Monat?! 

Fragt man nach dem unbeliebtesten Monat im Jahr, wird an erster Stelle der November genannt. Grau, regnerisch, wolkenverhangen, ihm wohnt eine gewisse Trostlosigkeit inne. November, der Sommer ist endgültig vorbei, der Herbst zeigt sein unschönes Gesicht. Die Tage werden immer kürzer, die Dunkelheit herrscht vor. 

Der November ist der Monat, in dem die Blätter fallen und der Lebensmut sinkt. Feiertag wie Allerheiligen, Buß- und Bettag und der Ewigkeitssonntag (auch bekannt als Totensonntag) zählen eher zu den stillen Gedenktagen und mahnen an die eigene Endlichkeit. Sterben im November nicht auch mehr Menschen als zu anderen Jahreszeiten? 

Statistisch lässt sich das nicht belegen, aber als Erkältungsmonat belegt der November den ersten Platz. Zudem wird er als Hochphase der Depressionen beschworen. Als Auslöser gelten Lichtmangel und abnehmende Temperaturen, als Symptome werden Abgeschlagenheit, Abgespanntheit und Antriebslosigkeit beschrieben. Der November steht am Beginn der dunklen Jahreszeit. Erich Kästner hat es gar trefflich in „Nasser November“ beschrieben 

„Ziehen Sie die ältesten Schuhe an, die in Ihrem Schrank vergessen stehn! Denn Sie sollten wirklich dann und wann auch bei Regen durch die Straßen gehn. Sicher werden Sie ein bisschen frieren, und die Straßen werden trostlos sein. Aber trotzdem: gehn Sie nur spazieren!… Und, wenn’s irgend möglich ist, allein. Müde fällt der Regen durch die Äste. Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl. Und der Regen rupft die Blätterreste. Und die Bäume werden alt und kahl. Abends tropfen hunderttausend Lichter zischend auf den glitschigen Asphalt. Und die Pfützen haben fast Gesichter. Und die Regenschirme sind ein Wald. Ist es nicht, als stiegen Sie durch Träume? Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt! Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume. Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt. Geben Sie ja auf die Autos acht. Gehn Sie, bitte, falls Sie friert, nach Haus! Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht. Und, ziehn Sie sofort die Schuhe aus!“ 

Gibt es im November nichts Tröstliches, keinen Lichtblick? Es kommt da ganz auf uns an. Nutzen wir die Zeit, um zur Ruhe zu kommen, einen Moment des Innehaltens zu genießen. Am Ende des Novembers steht doch der lichterfrohe Dezember mit der Adventszeit und der geheimnisvollen Vorfreude auf Weihnachten, Balsam für die Seele, Trost für die ganze Welt. Der November als Versprechen, dass wieder etwas Schönes kommen wird. Das Leben geht weiter, auf Dunkelheit folgt Licht. 

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