Gemeindebrief (barrierefrei)

IV/2021: Chai – auf das Leben. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Andacht

Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. (Römer 11, 18b)

Mit dem Bild der Wurzel erinnert Paulus die junge Christengemeinde in Rom daran, dass das Christentum nicht im luftleeren Raum entstanden ist, sondern dass die christliche Gemeinde, in der ehemalige Heiden und ehemalige Juden zusammenkommen, im Judentum wurzelt. Die Menschen aller Völker sind durch Jesus Christus mit in die bleibende Berufung Israels hineingenommen – diese Botschaft trägt Paulus nach Europa. Sie sind wie Äste von wilden Olbäumen, die in den alten Stamm eines schon lange kultivierten Olivenbaums eingepropft werden. Und um allen Missverständnissen vorzubeugen, dass das Neue per se besser ist als das Alte, erinnert Paulus sie: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

Wir erinnern uns in diesem Jahr der 1700 jährigen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Es ist ein Festjahr denn wir lesen diese Geschichte nicht primär als eine Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung, die sie leider auch immer wieder gewesen ist. Nein, wir nehmen in diesem Festjahr vor allem den enormen kulturellen Reichtum wahr, der mit dieser Geschichte verbunden ist. Diese Geschichte gehört zu den Wurzeln unserer Gegenwart, unseres wissenschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen Lebens heute. Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

Das gilt umso mehr für unseren Glauben. Ohne den Willen Gottes sein Volk in die Freiheit zu führen, ohne seine Weisungen, die helfen sollen Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit in seinem Volk dauerhaft zu wahren, wäre auch Christentum nicht denkbar. So steht gerade dieser Vers aus dem Römerbrief über dem Synodenbeschluss der Rheinischen Landessynode „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ vom 11. Januar 1980. Auch heute ist es immer wieder nötig, uns daran zu erinnern: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.           

Michael Verhey

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Liebe Leserin, lieber Leser,

in diesem Jahr leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Denn am 11. Dezember 321 hat der römische Kaiser Konstantin ein Edikt erlassen, das Juden erlaubt, Ämter in den römischen Stadträten zu übernehmen. In diesem Dekret wird die jüdische Gemeinde in Köln namentlich erwähnt. Es ist das frühste schriftliche Zeugnis über jüdisches Leben in Mitteleuropa und macht zugleich deutlich, „dass jüdische Gemeinden bereits in der Spätantike wichtiger integraler Bestandteil der europäischen Kultur sind“ – so heißt es auf der Seite des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“ (www.2021jlid.de).

Als Christinnen und Christen sind wir mit dem Judentum geschwisterlich verbunden: Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger waren ebenso Juden wie der Apostel Paulus. Wir teilen uns die hebräische Bibel als gemeinsame Grundlage und glauben an denselben Gott.

Deshalb nehmen wir das Festjahr zum Anlass, in diesem Brief einmal neugierig auf unsere „ältere Schwester“ und unser Verhältnis zu ihr zu schauen.

Joachim Gerhardt, der Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises und Pfarrer unserer Nachbarkirchengemeinde, schaut im Interview zurück auf das Festjahr und seine Erfahrungen. Als 2. Vorsitzender des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gibt er einen besonderen Einblick, der von einer Zusammenstellung einzelner, zukünftiger Veranstaltungen bzw. Angeboten ergänzt wird. Wie das Verhältnis von Judentum und Christentum heute gedacht wird, fasst Eckhart Altemüller – Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch im Kirchenkreis Bonn – für uns zusammen, bevor die Gesellschaft christlich-jüdischer Zusammenarbeit vorgestellt wird. Außerdem berichten wir über das christlich-jüdische Café.

Anhand ausgewählter jüdischer Festtage – u.a. dem Lichterfest „Chanukka“, das im Dezember gefeiert wird – geben wir Ihnen einen kleinen Einblick in das religiöse Leben unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Zum Abschluss finden Sie Empfehlungen zu einem Film über das Leben dreier Jüdinnen heute in Deutschland und zu einem Buch über den Rabbiner William Wolff. Frohe und interessante Lektüre wünscht das Redaktionsteam!

Malte große Deters

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Erfahrungen mit dem Festjahr – Ein Rückblick

Lieber Herr Gerhardt, Sie haben sich im Vorstand des Vereins „Festjahr 2021: 1700 Jüdisches Leben in Deutschland“ engagiert, was hat sie dazu bewogen, sich so prominent für das Festjahr zu engagieren?

Joachim Gerhardt: Ich habe mich viele Jahre zuvor für eine Stiftung engagiert, die Schülerreisen nach Auschwitz fördert. Da sind viele, auch persönliche Beziehungen zu Juden gewachsen. Das war wohl die Vertrauensbasis, mich auch für dieses Projekt anzufragen.

Zudem war meine Erfahrung von 500 Jahre Reformation und Martin Luther gefragt. Für mich persönlich ist das ehrenamtliche Engagement für dieses Festjahr auch ein Beitrag im Namen meiner Kirche, die beim Einsatz für die Juden in ihrer Geschichte allzu oft versagt hat.

Welche Ziele möchten Sie mit diesem Festjahr erreichen?

Joachim Gerhardt: Begegnung, Begegnung, Begegnung. Der Antisemitismus steckt unserer Gesellschaft tief in den Knochen. Und jede Generation muss sich neu gegen Judenhass und judenfeindliche Stereotype immunisieren. Das zeigt ja die jüngste Wiedererstarkung des Antisemitismus im Gewand der Neonazi-Szene oder der Coronaleugner. Wer eine Jüdin, einen Juden kennt, wer eine Synagogenführung mitgemacht hat, zu einem Schabbatessen eingeladen war, von einem Klezmerkonzert berührt wurde, einen coolen Podcast zum Thema gehört hat, der denkt und spricht anders. Für diese Begegnungen bietet unser Festjahr eine breite Plattform.

Wie haben Sie bisher die Resonanz aus der Gesellschaft auf das Festjahr erlebt?

 Das ist toll. Auch die Medienresonanz ist beeindruckend, übrigens nicht nur in Deutschland.

Welche Hoffnung verbinden sie mit dem Festjahr für das Zusammenleben von Christen und Juden in Deutschland und auch für das theologische Gespräch zwischen den Religionen?

Joachim Gerhardt: Wir Christen können unseren Glauben viel tiefer begreifen, wenn wir auch unsere jüdischen Wurzeln kennen. Jesus war Jude. Insoweit bietet das Jahr für uns
Christen eine besondere Chance. Den Juden, die immer Teil unserer Gesellschaft waren und sind, wünsche ich Mut und Kraft, auch in Zukunft in Deutschland eine sichere Heimat zu sehen. Dafür braucht es unsere Solidarität, deutlicher und öffentlicher als wir es bislang getan haben. So kann das Jahr viele neuen Brücken bauen zwischen Menschen und zwischen den Religionen.

Michael Verhey im Interview mit Joachim Gerhardt

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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – Das Festjahr präsentiert sich

#2021JLID – unter diesem Namen finden sich zahlreiche Konzerte, Ausstellungen, Musik, ein Podcast, Video-Projekte, Theater, Filme und vieles mehr, um das Festjahr sichtbar, hörbar und nahbar zu machen. Anlässlich des Jubiläums 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland wurde einiges auf die Beine gestellt, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen, zu informieren, einzuladen, zu inspirieren und mit zu nehmen in die Gedanken- und Gefühlswelten in Deutschland lebender Juden 2021.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt am 21. Februar 2021 in der Kölner Synagoge die Auftaktrede zum Jubiläumsjahr. Damit startete eine unvergleichliche Veranstaltungsreihe in den verschiedensten Formaten, für die unterschiedlichsten Zielgruppen und aus vielfältigen Perspektiven. Wichtig dabei immer, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem immer stärker spürbaren Antisemitismus entgegenzutreten.

Auch wir als Gemeindebriefteam laden Sie ein, sich das ein oder andere anzuschauen oder an Veranstaltungen online teilzunehmen. Die folgenden Informationen und Vorschläge sind rein subjektiv ausgewählt. Es ist ein Versuch, die Bandbreite der angebotenen Projekte und Veranstaltungen im Zuge des Jubiläumsjahres vorzustellen.

Die Homepage des eigens für das Jubiläumsjahr gegründeten Vereins, 321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V. ist eine gute Plattform, sich über anstehende Veranstaltungen, Hintergründe und Erfahrungsberichte zum Thema Juden in Deutschland zu informieren (2021jlid.de).

Bekannte Orchester geben Konzerte und spielen musikalische Geschichten mit deutschen, jiddischen und hebräischen Liedern, die von jüdischen Künstlern komponiert wurden. Liedermacher gehen in den Dialog mit dem Publikum, um sich über Fragen zur jüdischen Identität auszutauschen. Unter anderem werden Klezmer, Jazz, Swing und Kammersinfonie aus der Feder jüdischer Komponisten auf die Bühne gebracht.

Auf der Bühne und im Theater sind neben Musiktheater, klassischem Theater und Kabarett auch Lesungen, Poetry und vieles mehr geboten. Teilweise werden Aufführungen auch aus Veranstaltungsreihen generiert, die von regionalen Bildungsträgern organisiert werden, um im Zuge des Jubiläumsjahres noch mehr verdiente Aufmerksamkeit zu erhalten. Fotoausstellungen, Klanginstallationen oder Werke bekannter Künstler wie Marc Chagall werden der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht undgeben einen Einblick in die vom Judentum inspirierte Ausstellungskunst. Auch Filme mit Inhalten der jüdischen Ge-schichte oder von jüdischen Regisseur*innen auf die Lein-wand gebracht, bekommen einen Platz im Festjahrprogramm. Neben den genannten Formaten werden außerdem Städtetouren, Radtouren, Exkursionen und Workshops zum Thema angeboten.

Hier einige Vorschläge von Veranstaltungen, die in der Nähe von Bonn im November 2021 stattfinden. Weitere und mehr Information zu den unten genannten Veranstaltungen finden Sie unter https://2021jlid.de/kalender/

Schweigegang durch Brühl, Stadtrundgang, Dialog Der Rhein-Erft-Kreis präsentiert die jüdischen Kulturwochen mit allerlei kulturellen und kulinarischen Leckerbissen. 9. bis 24.11.21, 19 bis 21 Uhr

Was ist jüdisches Leben gestern und heute? Eine begehbare Installation, Köln, 19.11.2021, 19 bis 21.30 Uhr (Vortragsreihe läuft bis 09.01.2022): Der in Tel Aviv geborene Künstler Boaz Kaizman geht in einer großen Installation im Kölner Museum Ludwig der Frage nach, was jüdisches Leben heute ausmacht.

Komponistin, Pianistin, Mutter, Ehefrau – Fanny Hensel im literarisch-musikalischen Porträt Liebste Fenchel! Literaturkonzert über Fanny Hensel Mendelssohn Bartholdy, Köln, 12.12.2021, 16:00 bis 18:00 Uhr

Georg Friedrich Händel: „Saul“ , Oratorium für Soli, Chor und OrchesterEine Veranstaltung des Projekts:Hebrew blessings – von Klezmer bis Copland ein Projekt des Gürzenich-Chors Köln 29.12.2021, 19 bis 21 Uhr

Die Bundesregierung hat dem Wunsch des Vereins bereits zugestimmt, das Festjahr bis zum 31. Juli 2022 zu verlängern. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Erleben und Eintauchen in die jüdische Kultur.

Judith Heibter

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Zum Verhältnis von Christentum und Judentum heute

Das Verhältnis von Christentum und Judentum heute zeigt sich nicht nur einfach bei Begegnungen ihrer Vertreter*innen auf offizieller Ebene oder in Arbeitsgemeinschaften von Bibelexperten. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch in jedem unserer Alltags-Kontakte wider, manchmal allerdings gerade dort, wo wir es selbst so gar nicht vermuten.

Ja, es gab nach dem Holocaust ein Umdenken in der christl. Theologie. Dies wurde besonders deutlich ausgesprochen in der Erklärung der Synode der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) im April 1950 auf der Berlin-Weißenseer Synode, wenn es darin hieß:“ Wir sprechen es aus, daß wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.

Ebenso formulierte die Synode – und das war neu für eine evangelische Synode: „Wir glauben, daß Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist“.

Dieser Umkehrprozess, der sich evangelischerseits nach 1961 mehr und mehr durch die christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft beim Deutschen Evangelischen Kirchentag Gehör verschafft hatte, schlug sich 1975 schließlich in einer ersten Studie der Studienkommission „Kirche und Judentum“ der EKD nieder. Hier wurde nun das besondere Verhältnis von Christen und Juden biblisch und theologisch reflektiert. Die Evangelische Kirche im Rheinland trug 1980 mit dem Synodalbeschluss zur grundlegenden Erneuerung des Verhältnisses zum Judentum maßgeblich zu einer neuen Sichtweise von Christentum und Judentum in den Kirchen bei und machte damit bundesweit Schule. Andere Landeskirchen folgten. Die römisch- katholische Kirche hatte in ihrer Erklärung

„Nostra aetate“ auf dem Vatikanischen Konzil 1965 diesen Prozess ihrerseits angestoßen. Jahrhundertalte, christliche Standardaussagen zur Judenmission, zu den Seligpreisungen der Bergpredigt als „Antithesen“ oder zum elitären Verständnis des Neuen Bundes der Christenheit wurden jetzt obsolet, fragwürdig und kritisch betrachtet. Wie konnte auch noch geglaubt werden, dass die Kirche an die Stelle der Synagoge getreten war, gewissermaßen als neues Israel? Das Kirchenlied „Nun preiset alle“ (EG 502) von 1644 besingt solches, heute auch für christliche Leute ein Anachronismus.

Denn heute feiern wir in Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben. Wir lernen wieder neu, wie reich und nachhaltig unsere Geschichte durch das Judentum geprägt und mitgestaltet wurde. Wir entdecken mitunter in der Nachbarschaft jüdisches Leben oder wir hören davon. Und doch nehmen wir mit Sorge wahr, dass antisemitische und judenfeindliche Akte in den vergangenen Jahren in unserem Land kontinuierlich zugenommen haben.

Warum hört das nicht auf?

Immer wieder begegnen mir Menschen in der Kirche, die davon überzeugt sind, dass nur im Alten Testament, also der Bibel der Jüdinnen und Juden, von einem strafenden und zornigen Gott geredet wird oder dass durch Jesus Christus die „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ –Mentalität schließlich überboten sei – und außerdem die Feindesliebe (s. Bergpredigt Matth 5,43f) eine christliche Erfindung.

Ach wirklich?

Tatsächlich, das Verhältnis von Christentum und Judentum spiegelt sich im Alltag der meisten in der Begegnung mit der Bibel beider Testamente wieder. Denn nur wenige haben heute jüdische Nachbarschaft, jüdische Freunde oder jüdische Verwandtschaft. Das kann sich ändern. Nur eine Bibel haben jedenfalls die meisten von uns zuhause im Bücher-
schrank. Verstehe ich wirklich, was ich da lese? „Verstehst du auch, was du liest?“ So fragte Philippus ja den Kämmerer (Apg 8,30), der Jude den Nicht-Juden!

Zum Ersten: Dass Gottes Zorn als eine Seite seiner Gnade gelesen werden soll, haben schon die Reformatoren unterstrichen. Und wem von der Freundin oder dem Partner mal die „Meinung gegeigt“ wurde, der versteht, dass dagegen grade Schmeichelei und Liebelei höchst ungnädige und lieblose Akte sind. Man lernt nichts draus und verharrt in seinem Zustand. Die Konsequenzen können fürchterlich sein. Übrigens: Auch das Neue Testament berichtet von Gottes Eifer und Zorn und muss sich damit auseinandersetzen (z.B. Offb 16,1). Siehe auch „Heulen und Zähneklappern“ bei Matthäus an div. Stellen.

Zum Zweiten: das Wort von „Auge um Auge“ ist eine Weisung aus dem Alten Testament (2. Mose 21,24 und 3. Mose 24,19f), die in der Frage der Verhältnismäßigkeit von Strafen ein fortschrittliches Rechtsinstitut darstellt.

Eine Strafe ist darum verhältnismäßig, weil sie eben nicht Gleiches, also z.B. ein Diebstahl, mit Ungleichem, z.B. einer Todesstrafe, sühnt, sondern mit Gleichem, z.B. muss das gestohlene Objekt ersetzt werden. Und die Geschichte von der Bewahrung Kains mit dem Kainsmal zeigt: Vergeltungsmaßnahmen werden beschränkt und Vendetta wird geächtet. So wird der soziale Friede gefördert.

Schließlich: Die Gespräche um die Feindesliebe sind eine innerjüdische Debatte, die sich schon im Alten Testament niedergeschlagen hatte. Vom Hinhalten der Backe spricht Klagelieder 3,30 (Der Verweis fehlt in der Konkordanz zur Lutherbibel, die bei Backe nur Matth 5,39 anführt), 2. Mose 23,4f fordert auf, den Feind nicht im Stich zu lassen und Sprüche 25,21 ermahnt, den Feind nicht verhungern zu lassen. Wenn das nicht respektvolle Liebe ist… Aus „Gleichgültigkeit und Furcht, Hochmut und Schwäche“ versagten viele Kirchen in den Jahren von 1933 bis 1945. Haben wir etwas daraus gelernt?

Dass so mancher Stolperstein, manches Schablönchen mit uns geht und Urständ feiert, fällt uns nicht immer gleich auf. Ja, eine Menge Vorurteile über das Alte Testament, aber auch über Judentum und Jü-dischsein gehen mit uns.

Es wäre so schön, einfach bei den Geschichten von Jesus zu bleiben, wie sie uns vielleicht mal erzählt wurden. Es ist einfacher etwas nachzureden, was andere erzählt haben und dies dann mit eigenen Erfahrungen sich irgendwie zusammenzureimen. Auch in der Begegnung mit der Bibel erweist sich, dass das Gespräch von Christentum und Judentum heute nur so gut sein kann, wie ich bereit bin, es in mir zuzulassen. Wie ich mit der Bibel umgehe, hängt auch von meinen Begegnungen mit Menschen anderer Provenienz ab. Viele Begegnungen fanden statt, da war ich noch gar kein bewusster Bibelleser oder Predigthörer. Und immer wieder: Unser christlicher Glaube ist ohne das jüdische Erbe nicht zu begreifen.

Gerne komme ich in Ihre Friedenskirchengemeinde, in Ihre Gesprächsgruppe oder Ihren Arbeitskreis, um mit Ihnen über diesen „inneren Dialog“, über unser Verhältnis zum Judentum, ins Gespräch zu kommen

Eckhart Altemüller, Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch im Kirchenkreis Bonn

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Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ)

Seit nunmehr 1700 Jahren ist nachweislich das Judentum im Gebiet des heutigen Deutschlands präsent — das bedeutet auch 1700 Jahre wechselvolle christlich-jüdische Beziehungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah war das jüdische Leben in Deutschland weitgehend zerstört. Nur wenige Jüdinnen und Juden waren geblieben. Und so gab es die Initiative zur Gründung einer Organisation, welche das schwer geschädigte Verhältnis zwischen der christlichen Gesellschaft und der verbliebenen jüdischen Minderheit in Deutschland auf eine neue Grundlage stellen sollte.
1948/1949 wurden die ersten Einzelgesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit gegründet, die wiederum am 10. November 1949 den Deutschen Koordinierungsrat ins Leben riefen. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland und speziell in Bonn bestehen heute zu ca. 90 Prozent aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen.

Für sie waren Versuche der christlichen Einflussnahme wenig hilfreich und führten oft zu Spannungen in der christlich-jüdischen Beziehung. Die GCJZ lehnen daher jegliche Form der „Judenmission“ oder ähnliche, als übergriffig empfundene Einflussnahme ab. Vielmehr steht der Dialog auf Augenhöhe im Zentrum.

Die Bonner GCJZ wurde 1954 mit der Vision eines neuen vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Juden und Christen gegründet. Die Vermittlung von Wissen über die jüdische Religion, Kultur und Kunst sowie die Anregung zum Dialog waren und sind dabei die Kernanliegen der GCJZ. Regelmäßige Veranstaltungen wie das christlich-jüdische Café oder der Gesprächskreis in der Synagoge „Weißt Du, wer ich bin?“ sind dabei wichtige Elemente der Öffentlichkeitsarbeit. Partner der GCJZ Bonn sind neben der Bonner Synagogengemeinde unter anderem auch die Gedenkstätte Bonn, die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Bonn, das Evangelische Forum und das Katholische Bildungswerk Bonn. Auch die Friedenskirche Bonn ist Mitglied unter der langjährigen Koordination des Gemeindeglieds Klaus Baehr. Ich selbst bin seit 2010 Mitglied bei der GCJZ Bonn, nachdem ich bereits mehrere Male am christlich-jüdischen Café teilgenommen hatte. Mein Interesse für das Judentum begann spätestens mit der Lektüre des Tagebuchs von Anne Frank, wenn nicht schon mit meiner Glaubensentwicklung seit der Kindheit. Mein Anliegen heute ist die Förderung der Kommunikation mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern im Glauben, gerade auch angesichts der nach wie vor bestehenden Vorurteile und Anfeindungen gegenüber Jüdinnen und Juden. (Website der GCJZ Bonn: https://bonn.deutscher-koordinierungsrat.de)

Dr. Ingo Thies

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Das christlich-jüdische Café in Bonn

Die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bonn e.V.“(GCJZ: www.gcjz-bonn.de) gründete sich 1954 mit dem Ziel, vertrauensvolle Beziehungen zwischen Juden und Christen in Bonn zu schaffen. Seit dieser Zeit ist der Dialog zwischen evangelischen und katholischen Christ*innen mit jüdischen Mitgliedern der Bonner Synagogengemeinde nicht abgebrochen. An diesem Dialog sind auch immer Mitglieder der Friedenskirchengemeinde beteiligt.

Als sich der Vorstand der GCJZ 2006 neu konstituierte, wurde beschlossen, mehr und mehr zum Gespräch auf der Grundlage offener Angebote einzuladen. Denn inzwischen hat-te die Zuwanderung von Juden aus den GUS-Staaten in den 1990er Jahren zu einigen Veränderungen in der Bonner Synagogengemeinde geführt. Zum Beispiel waren diese Juden jetzt in der Synagogen-Gemeinde in der Mehrzahl. So entstand 2007 in dem CJZ-Vorstand der Gedanke einer möglichst lockeren Zusammenkunft bei Kaffee und Tee am Nachmittag in einem öffentlichen Café in Bonn. Die Umsetzung war schwieriger als gedacht. Nach einer Anfangsphase in verschiedenen Bonner Cafés nahm der Vorstand das Angebot der Ev. Kreuzkirchengemeinde Bonn dankbar an, im Gemeindehaus An der Ev. Kirche (Adek 6) an einem festen Termin dieses „Christlich-Jüdische Café“ anzubieten. So kam es 2008 zu dieser regelmäßigen Veranstaltung jeweils am ersten Donnerstag im Monat von 16:00 bis 18:00 Uhr. Es ist ein offener, unverbindlicher Nachmittag für Jedermann. Basis war und bleibt die Förderung des respektvollen Austauschs zwischen Juden und Christen und anderen interessierten Menschen in Bonn. Auf jeden Fall geht es um das Schaffen von Vertrauen, indem gegenseitig erlebte und erfahrene Lebensgeschichten erzählt werden können und vermitteltes Wissen einander bereichert. Dazu gehört Respekt mit der inneren Einstellung gegen Rassismus jeder Art, um ein friedliches Zusammenleben in der Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. Im Laufe der Zeit hat der weiterhin für alle Menschen offene Nachmittag eine klarere Struktur angenommen: Zu Beginn der gemeinsamen Zeit wird sich bei Kaffee Tee und Gebäck Zeit zum Kennenlernen und Plaudern genommen. Das fällt nicht schwer, denn die Tische sind wie in einem Café einzeln und doch in Bezug zueinander gestellt. Das Vorbereitungsteam hat die Tische gedeckt für Kaffee, Tee, mit bunten Servietten, kleinen Tischvasen mit Blumenschmuck und köstlichem Gebäck. Eigentlich stehen auch Kaffee- und Teekanne auf jedem Tisch bereit zur Selbstbedienung. Leider darf das in dieser Pandemiezeit nicht sein. Jetzt wird vom Team freundlich bedient. Nach der Begrüßung und der Zeit fürs Gespräch, geht es um das Thema des jeweiligen Treffens. Meist bietet eine Referentin oder ein Referent einen Einstieg in ein bestimmtes Thema und vermittelt so Gesprächsanstöße, die eine lebendige Diskussion freisetzen. Mit dem Dank an die vortragende Person und dem Ausblick auf das nächste Treffen geht der Nachmittag allmählich zu Ende. Beim Abschiednehmen und auf dem Heimweg befinden sich die Café-Gäste oft noch im lebhaften Gespräch. Auch erhält das Team, unter der Leitung von Pfarrer Ulrich Thomas, immer wieder Lob und Dank für die interessanten Caféstunden. Das Vorbereitungsteam sammelt Gedanken und Themen und erstellt gegen Ende eines jeden Kalenderjahres den Themenkatalog für das kommende Jahr. Die Ideen kommen aus kulturellen Bereichen: Literatur, Religion, Geschichte und Politik. In diesem Jahr konnte das Café leider erst nach langer Lockdownzeit wieder öffnen. Wir erlebten diese ersten Nachmittage nach großer Pause ganz besonders intensiv. Die Besucher*innen lernten im September Lebenswege der Bonner jüdischen Kaufmannsfamilie Zunz kennen. Die Kaffeefirma namens „Zunz selige Witwe“ ist vielen Bonnern und Bonnerinnen gut bekannt gewesen. Im Oktober hatte das Café zwei jüdische Musikkünstlerinnen zu Gast, sie spielten Piano und Flöte. Die Barockmusik war wunderschön! Überhaupt war das Konzert ein besonderes Erlebnis, weil die Zuhörenden im Musizieren der Künstlerinnen nicht nur Professionalität und Hingabe erkannten, sondern auch spürten, wie froh die beiden Solistinnen waren, nun endlich einmal wieder vor Publikum auftreten zu können! Im Dezember werden arabischen Flüchtlinge, die in der Kreuzkirchengemeinde leben, zu der Frage: „Was braucht der Mensch, um sich heimisch zu fühlen?“ aus ihren Erfahrungen hier in Bonn berichten. Für das kommende Jahr 2022 hält das Vorbereitungsteam des Christlich-Jüdischen Café‘s schon vielfältige Vorschläge bereit.

Klaus und Frauke Wollenweber

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So feiern jüdische Mitbürger*innen – ausgewählte jüdische Feiertage

Freude am Wort Gottes: B‘reschit

Im Judentum stellt die Torah den Kern von Gottes Offenbarung am Sinai dar. Der Text der fünf Bücher Mose ist in 54 Abschnitte eingeteilt, so dass jede Woche etwa drei bis fünf Kapitel gelesen werden (an manchen Schabbatot auch ein Doppelabschnitt). Ihren Titel beziehen diese Wochenabschnitte von einem markanten Wort im Anfangsvers dieser Lesung, das auch dem jeweiligen Schabbat seinen Namen gibt. Einmal im Jahr wird die gesamte Torah durchgelesen und dabei kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe beim Vortrag ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos uns auch manche Geschichte erscheinen mag. Das zwingt dazu, sich auch mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen.

Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert: Alle Torahrollen werden aus dem Aron Hakodesch geholt und in sieben Prozessionen durch die Synagoge getragen. Man trägt den letzten Abschnitt aus Deut 33-34 vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel Gen 1 an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.

Wir trinken auf das Leben: Purim

Kleine und große Clowns, Ritter, Prinzessinnen, Monster, Hexen, Zebras, Hasen und andere phantasievoll gekleidete Gestalten haben sich in der Synagoge versammelt, machen Krach mit Hilfe von Rasseln, trampeln mit den Füßen, pfeifen und bringen „Buh“-Rufe aus. Purim ist das Lieblingsfest jüdischer Kinder, denn sie dürfen sich nach Herzenslust verkleiden und brauchen nicht still sitzen, weil der Lärm sogar Teil der Liturgie ist. Wann immer der Übeltäter Haman genannt wird, bricht ein enormer Krach aus, um dessen Namen auszulöschen. Das Hören der Esther-Geschichte ist das wichtigste Gebot des Festes. Daneben ist es üblich, einander Süßigkeiten und selbst zubereitete Speisen zu schenken. Das typische Gebäck für Purim sind die „Haman-Taschen“ oder „Haman-Ohren“, dreieckige, mit Mohn, Datteln oder Marmelade gefüllte Kekse. Bedürftige Menschen werden mit Lebensmitteln oder mit Geld bedacht, damit auch sie sich Festmahlzeiten leisten können. Und warum heißt es „Esther-Rolle“? Weil der Text des Esther-Buchs aus einer auf Pergament handgeschriebenen Rolle (Megillah), ähnlich einer Torah-Rolle, vorgetragen wird.

Frei von Sklaverei und Tod: Pessach

Pessach feiert den Auszug Israels aus der Sklaverei Ägyptens. In Erinnerung an diesen Befreiungsakt Gottes wird eine Woche lang ein Fest begangen, das bei religiösen wie bei säkularen Juden so tief verankert ist wie wohl kein anderer jüdischer Feiertag. Während der Pessachwoche werden alle Getreideprodukte aus dem Haushalt verbannt und an deren Stelle das „Ungesäuerte Brot“, die Matzah, und aus Matzemehl hergestellte Teigwaren gegessen. Ein zentrales Gebot des Festes lautet, den Kindern von Auszug und Befreiung zu erzählen, um auch ihnen diese Identifikation mit der Geschichte Israels zu ermöglichen.

Umkehren zum Leben

Antisemitismus hatte und hat mörderische Folgen, und selbst seine „milderen“ Varianten vergiften das Leben. Die religiös, rassisch oder politisch begründete Abwertung des Judentums fordert die jüdische Gemeinschaft zu allen Zeiten zu Antworten heraus. Manche Jüdinnen und Juden versuchen den Demütigungen zu entgehen, indem sie möglichst wenig als solche erkennbar sind und sich an die Umgebung assimilieren. Am anderen Ende des Spektrums finden sich jene, die diese Bemühungen als aussichtslos verwarfen und die Errichtung eines eigenen Gemeinwesens erstrebten, in dem Judenhass keine Chance mehr haben würde. Jüdische Gegenwehr äußerte sich auch in vielfältigen Formen von Aufklärung, Apologetik und Entkräftung antisemitischer Anwürfe. Der Verunsicherung von außen wurde Stolz auf die eigene Kultur, Religion und Geschichte entgegengesetzt. Nur wenige ließen sich beeindrucken von christlichen Missionierungsversuchen, gleich ob sie als Zwang oder in vermeintlicher Liebe vorgetragen wurden.

Freude am Erwachsenwerden: Bar-Mizwa

Im Judentum gelten Mädchen mit 12 und Jungen mit 13 Jahren als erwachsen, das heißt, in der Lage, Verantwortung für das eigene religiöse Leben und für die Erfüllung der Gebote vor Gott und den Menschen zu übernehmen. Von diesem Zeitpunkt an werden sie als „Bar Mitzwah“ bzw. „Bat Mitzwah“, als „Sohn/Tochter der Verpflichtung“, betrachtet und sind selbst verantwortlich für das Halten der Gebote. Im Gottesdienst legen die Kinder zum ersten Mal ihren Tallit an und tragen den Wochenabschnitt der Torah ganz oder teilweise vor, meist in der traditionellen musikalischen Rezitationsweise. Dazu kommt noch die Haftarah, die Prophetenlesung, in Hebräisch oder in der Landessprache. Danach folgt eine kurze Predigt, manchmal wird auch ein Teil des Gottesdienstes vorgebetet. Daran schließt der Kiddusch, ein festlicher Imbiss, in der Gemeinde an und danach wird im privaten Rahmen mit Familie und Freundeskreis weitergefeiert.

Auszeit vom Alltag: Schabbat

Höhepunkt jeder Woche ist der Schabbat, der siebente Schöpfungstag, an dem wir in Nachahmung Gottes von unserem Tagewerk ruhen sollen. Die Geschäftigkeit des Alltags soll pausieren, damit wir uns an diesem Tag anderen Dingen widmen können, für die sonst wenig Zeit bleibt: Familie, Freunde, Torahstudium, Gottesdienst und Geselligkeit in der Synagoge, Ausruhen und Auftanken. Schabbat meint nicht untätiges Herumsitzen, sondern aktives Streben nach anderen Dimensionen unseres Seins. Als Hilfestellung formulierte die jüdische Tradition einen umfangreichen Katalog von Tätigkeiten, die nicht verrichtet werden sollen, damit wir Ruhe finden und diese Freiheit von Arbeit ebenso den Menschen und sogar auch den Tieren in unserer Umgebung gewähren. Der Schabbat ist kaum denkbar ohne die festlichen Mahlzeiten im Kreis von Familie und Freunden, eingeleitet von Segenssprüchen über Kerzen, Wein und zwei geflochtene Brotzöpfe. Die Gebete und Lieder in der Synagoge preisen Gottes Schöpfungswerk, im Morgengottesdienst steht die Lesung des Wochenabschnitts der Torah im Zentrum. Dieser Text ist auch der Fokus von Torahstudium und -auslegungen an diesem Tag. Diese aktiven Phasen des Schabbats wechseln ab mit Zeiten der Ruhe und des Kraftschöpfens, bis dann am Samstagabend mit der Hawdalah-Zeremonie, dem Segen über Wein, Licht und Gewürze, die Rückkehr in den Alltag erfolgt.

Versöhnung feiern: Jom Kippur

Rosch HaSchanah und Jom Kippur gelten als die Hohen Feiertage des Judentums, denn an ihnen werden Fragen von Leben und Tod verhandelt. „Wer wird leben und wer wird sterben?“, fragt ein bekanntes Gebet, das zum jüdischen Neujahr und zum Versöhnungstag gesagt wird. Die dazwischenliegenden Zehn Tage der Umkehr werden als eine Zeit des Gerichts verstanden, in der Gott über unsere Fehler und Versäumnisse richtet und dementsprechend ein Urteil zu einer guten oder einer düsteren Zukunft über uns verhängt. Wir bemühen uns, diesen Richterspruch zu unseren Gunsten zu beeinflussen, indem wir selbstkritisch unser Leben betrachten, unsere Verfehlungen erkennen und uns ändern.

Doch es genügt nicht, zu Gott um Vergebung zu flehen. Unrecht und Verletzungen, die wir anderen Menschen zugefügt haben, müssen wir selbst in Ordnung bringen: Zu diesen Menschen hingehen, um Verzeihung bitten und auch Verzeihung gewähren. Erst dann können wir auf Versöhnung hoffen und einen Neuanfang mit Gott, mit unseren Nächsten und auch mit uns selbst wagen.

Erinnern für die Zukunft: Sachor

Brennende Synagogen, zerstörte Einrichtungen, Morde und Massenverhaftungen – die Reichspogromnacht des 9. November 1938 war ein Wendepunkt in der deutsch-jüdischen Geschichte. In der Erinnerungskultur jüdischer Gemeinden hierzulande ist dieses Datum zentral. Gemeinsame Geschichte ist identitätsstiftend, aber welches Selbstverständnis lässt sich aus erlittener Verfolgung und Vernichtung beziehen? Und wie gedenkt man der Schoah, der kaltherzig von Menschen begangenen monströsen Verbrechens, das unser Verstehen übersteigt? Sachor, Erinnern und Gedenken, gehört zum Kern des Judentums und drückt sich in charakteristischen liturgischen Praktiken aus. Klagelieder und Gebete wie Kaddisch und El Malé Rachamim sind jahrhundertealte Ausdrucksformen von Trauer und Gedenken, die weiterhin benutzt werden, ohne damit der Schoah eine religiöse Deutung beizulegen. Daneben bezieht jüdische Erinnerungskultur heute eine Vielfalt anderer Formen ein, wie Zeitzeugenberichte, Kunstwerke, Namenslesungen. Auch unterschiedliche biographische Zugänge wirken sich auf die Gestaltung des Erinnerns aus: Überlebende gedenken anders als die Generation ihrer Enkel, aus der früheren Sowjetunion zugewanderte Juden bringen wieder andere Narrative mit. Einig sind sich alle darin, das „Sachor!“ fortzutragen und lebendig zu halten.

Alle Texte und weitere Informationen: Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg, www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de

Zusammenstellung: Iris Bonkowski-Weber

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Chanukka beziehungsweise Weihnachten

Christinnen und Christen entzünden in der dunklen Jahreszeit Kerzen und schmücken Bäume mit Lichterketten, als Erinnerung daran, dass für sie mit Jesus Christus das Licht der Welt geboren wurde. Das Licht, das die Dunkelheit durchbricht, ist also als Metapher zu verstehen. Beim jüdischen Fest Chanukka – auch Lichterfest genannt – steht das Lichterritual dagegen in direkterem Zusammenhang mit den Ereignissen, an die das Fest erinnert:

Im zweiten Jahrhundert vor Christus steht Israel unter griechischer Oberherrschaft. Hellenistische Kultur verbreitet sich zunehmend im Land. Die Entwicklung gipfelt darin, dass der Jerusalemer Tempel in ein Heiligtum für Zeus umgewandelt und die jüdische Religionsausübung verboten wird. Traditionelle Kreise des Judentums wehren sich, es kommt zu einem Aufstand unter Führung des Makkabäers Mattatias und seiner fünf Söhne. Am Ende stehen die Wiedereroberung Jerusalems und die Wiederherstellung des jüdischen Tempels (Chanukka heißt „Einweihung“). Im ersten Makkabäerbuch, das von diesem Aufstand berichtet, ist die Rede von einer achttägigen Weihe des Altars. Im Babylonischen Talmud wird erzählt, dass die Aufständischen bei der Eroberung des Tempels nur ein Krüglein mit geweihtem Öl für das Anzünden des siebenarmigen Leuchters fanden. Diese Menge Öl reicht eigentlich nur für einen Tag. Neues Öl zu weihen hingegen braucht sieben Tage. Doch auf wundersame Weise brannte der Leuchter mit dem vorhandenen Öl statt einem Tag acht Tage lang – also genauso lange wie man für die Herstellung neuen Öls brauchte.

Jüdinnen und Juden feiern das Fest heute mit einem neunarmigen Leuchter (Chanukkia): Acht Tage lang wird jeweils ein neues Licht angezündet. Das neunte Licht ist der sogenannte „Diener“, mit dem die anderen Lichter jeweils angezündet werden. Dazu werden bestimmte Segenstexte gesprochen.

Chanukka ist ein Fest der kulturellen Selbstbehauptung, so die Rabbinerin Dr.in Ulrike Offenberg. Aber es ist auch ein Fest der Familie – wie das christliche Weihnachtsfest. Jeden Abend trifft man sich in der Familie, mit Freunden oder mit der Gemeinde und zündet die Lichter gemeinsam an. Dazu gibt es Geschenke für die Kinder, in Öl gebackene Speisen (Kartoffelpuffer, Krapfen) und Spiele. Chanukka wird zwischen Ende November und Anfang Januar gefeiert – ist also zur gleichen Zeit wie die christlichen Advents- und Weihnachtszeit. Im allgegenwärtigen Weihnachtstrubel in Geschäften, Kindergärten und Schulen ist es für Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht immer leicht, dem eigenen Fest Geltung zu verschaffen – gerade in gemischtreligiösen Familien ist das eine besondere Herausforderung,

Weitere Informationen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden finden Sie unter www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/chanukka-beziehungsweise-weihnachten.

Malte große Deters

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Echtes Leben: Jung, jüdisch, weiblich – Die selbstbewusste Generation

„Ich möchte in keine Schublade gesteckt werden, aber das passiert gerade in Deutschland immer wieder!“ Linda Rachel Sabiers ist eine meinungsstarke Frau. Jüdin, Bloggerin, Autorin. Helene lässt sich gerade zur Rabbinerin ausbilden. Rina ist angehende Grundschullehrerin, alleinerziehend und lebt in einer strengorthodoxen Gemeinde. Was bedeutet es heute, als junge Frau das Judentum in Deutschland zu leben? Dieser Frage geht „Echtes Leben“ gemeinsam mit drei Frauen nach.

„Wenn ich erzähle, dass ich mich zur Rabbinerin ausbilden lasse, schauen die Leute mich oft völlig ungläubig an. Ja, ich mache das, ja, ich bin eine Frau, ja, es gibt noch nicht so viele von mir.“ Helene ist 23 Jahre alt und bezeichnet sich als liberale Jüdin. „Ich bin fest vom Judentum überzeugt, ich könnte mir nicht vorstellen, nicht nach den jüdischen Traditionen zu leben,
aber ich engagiere mich genauso für queeres Judentum.“ Besonders die Begeisterung junger Menschen für ein modernes Reformjudentum liegt Helene am Herzen: „Ich möchte jüdisches Leben in Deutschland gestalten – auch außerhalb fester Gemeindestrukturen“.

Drei Frauen, drei unterschiedliche Modelle

Wie schwer wiegt die Tradition, was bedeutet Glaube? Jede dieser Frauen lebt das Judentum anders, aber alle fühlen sich den Traditionen verpflichtet.

„Ich bedecke ganz klar meine weiblichen Reize. Ich trage immer Röcke oder Kleider. Aber ich bin auch modisch.“ Rina ist 28 Jahre alt und lebt als gläubige Jüdin in einer streng orthodoxen Gemeinde. Und das obwohl sie bereits geschieden und alleinerziehende Mutter ist. „Das war nicht einfach. Eine Scheidung ist nach wie vor eher selten im orthodoxen Judentum. Ich habe meinen Mann nur wenige Male vorher durch das Engagement meines Berliner Rabbiners kennengelernt. Wir haben dann sehr schnell geheiratet.“ Die Perücke, die sie als verheiratete Jüdin damals trug, liegt immer noch in ihrem Schrank. „Ich werde wieder Perücke tragen, wenn ich noch einmal heirate, und das habe ich fest vor.“

Der Wunsch, besser verstanden zu werden

Linda Sabiers wurde bekannt durch ihre Kolumne über jüdisches Leben im Magazin der Süddeutschen Zeitung. „Klar habe ich mich gefragt: Soll ich das machen? Ich will ja nicht immer die Rolle der Dauerjüdin spielen, aber andererseits kann ich ja auch nur mit Vorurteilen aufräumen, wenn ich mich
selbst beteilige.“ Die 36-Jährige hat einen Schweizer geheiratet, den sie über Tinder kennengelernt hat. Beide haben eine klare Absprache: „Mein Mann Noa durfte die Einrichtung der Wohnung übernehmen, dafür muss er mit mir die jüdische Tradition leben. Freitags ist Shabbat und das genieße ich auch.“ Der kleine „Regelverstoß“, einen Nichtjuden zu heiraten, hat in Lindas Familie bereits Tradition. Auch ihr Vater ist nicht-jüdisch, lebt aber, seit er mit ihrer Mutter verheiratet ist, zu Hause nach jüdischem Brauch. „Da haben die Frauen tatsächlich klar die Macht. Du wirst nur Jude, wenn deine Mutter jüdisch ist. Ansonsten ist es aber so, dass ich die Rolle der Frau im orthodoxen Judentum immer noch problematisch finde. Aber ich würde nicht darüber urteilen. Das muss jede selbst wissen.“ Drei Frauen, drei unterschiedliche Modelle, den jüdischen Glauben und die Tradition zu leben. Sie alle spiegeln die junge Generation von Jüdinnen, die selbstbestimmt ihren Weg geht. Alle eint der Wunsch, besser verstanden zu werden, alle eint die Befürchtung, dass die gesellschaftlichen Anfeindungen eher zu als abnehmen.

Ein Film von Nicola Graef und Lena Scheidgen, Mediathek DasErste.de

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Abraham war Optimist

2007 erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse sowie den Israel-Jacobson-Preis der Union Progressiver Juden. Seine vielleicht größte Hinterlassenschaft ist sein 2010 veröffentlichtes Buch über ihn und seine Schweriner Gemeinde, das in Verbindung mit einer Ausstellung „Abraham war Optimist“ präsentiert wurde.
Über ein Jahr lang begleitet Manuela Koska-Jäger den Rabbiner William Wolff mit der Kamera. „Ihr gelingt eine einfühlsame und anspruchsvolle Bildreportage über menschliche Wahrheiten und jüdische Identität im heutigen Deutschland, begleitet von Briefen eines Weisen, eines weltoffenen Rabbiners, der mit einzigartigem Charisma beeindruckt, und von Texten eines jungen Juden, der einen Monat nach der deutschen Wiedervereinigung geboren wird, sowie Portraits Schweriner jüdischer Gemeindemitglieder, die jeweils für sich selbst sprechen.“ (hentrichhentrich.de)

Anscheinend hat William Wolff seine Bereitschaft, seine Offenheit für etwas Neues im Leben von unserem Vorfahren Abraham gelernt, der sich gleichfalls mit 75 auf dem Wege in die, für ihn noch ganz unbekannte, Heimat gemacht hat (Gen 12.4). Wie Abraham war William Wolff auch Optimist. Der Rabbiner verstarb am 8. Juli 2020 im Alter von 93 Jahren in London.

Iris Bonkowski-Weber

Manuela Koska-Jäger: „Abraham war Optmist“, Hentrich und Hentrich Verlag Berlin, ISBN-10 394227115X

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